Wer Épernay in der Champagne besucht, begegnet nicht nur einem der bekanntesten Namen der Champagnerwelt. Bei Moët & Chandon treffen fast drei Jahrhunderte Geschichte auf Architektur, Handwerk, Design und eine Markenwelt, die ihre Tradition bis heute sehr bewusst weiterführt.

Genau diese Verbindung hat mich bei meinem Besuch besonders interessiert.
Ich bin Andrea Ramsel, Contemporary Symbolism Artist. In meiner Kunst beschäftige ich mich mit Herkunft, Veränderung und Sein und verbinde klassische Ölmalerei mit zeitgenössischer Symbolik.
Und wenn ich reise, schaue ich wahrscheinlich genauso auf die Welt, wie ich später auch auf eine Leinwand schaue: auf Farben, Formen, Materialien, Proportionen und darauf, welche Atmosphäre aus ihrem Zusammenspiel entsteht.
Moët & Chandon in Épernay – ein Haus mit Geschichte
Die Geschichte von Moët & Chandon reicht bis ins Jahr 1743 zurück. Claude Moët gründete damals das Champagnerhaus, das später insbesondere unter seinem Enkel Jean-Rémy Moët weit über die Champagne hinaus bekannt wurde.

Was mich daran interessiert, ist allerdings nicht nur das Alter eines Hauses. Mich fasziniert, wie eine solche Geschichte heute noch sichtbar und spürbar sein kann, ohne dass ein Ort wie ein Museum wirkt.
Genau diesen Eindruck hatte ich in Épernay.
Da ist etwas sehr Gepflegtes und Traditionsbewusstes. Historische Architektur, klassische Formen, Materialien und eine sehr klare Ästhetik erzählen von der langen Geschichte des Hauses.
Und trotzdem wirkt es nicht stehen geblieben.
Mich fasziniert diese Balance.
Wie bewahrt man Herkunft, ohne in ihr stehen zu bleiben?
Diese Frage begegnet mir nicht nur auf Reisen. Sie gehört zu den zentralen Themen meiner eigenen Kunst.
Warum ich Farben, Räume und Atmosphäre so intensiv wahrnehme
Dieser Blick ist allerdings nicht erst durch meine Arbeit als Künstlerin entstanden.
Schon als Kind haben mich historische Häuser in meiner Heimat fasziniert. Fassaden, alte Tapeten, Ornamente, besondere Räume und Farbkombinationen konnten meine Aufmerksamkeit vollkommen einfangen.
Ich wusste damals natürlich noch nicht, warum.
Heute weiß ich, dass mich besonders interessiert, was zwischen den einzelnen Elementen passiert.
Warum wirkt ein Raum harmonisch?
Was geschieht, wenn ein warmer Goldton auf ein bestimmtes Grün trifft? Wie verändert Licht eine Oberfläche? Warum empfinden wir manche Materialien als besonders wertvoll, andere als kühl oder zurückhaltend?
Das sind Eindrücke, die ich nicht bewusst „für meine Kunst sammle“.
Ich nehme sie einfach wahr.
Und irgendwann können sie wieder auftauchen – in einer Farbe, einer Struktur, einer Materialkombination oder vielleicht nur in der Atmosphäre eines neuen Werkes.
Tradition und Innovation – warum mich diese Verbindung interessiert
Gerade deshalb hat mich Moët & Chandon nicht nur als Champagnerhaus interessiert.
Mich fasziniert die Frage, wie etwas, das über Generationen gewachsen ist, seine Identität behalten und sich trotzdem weiterentwickeln kann.
Denn Herkunft bedeutet für mich nicht Stillstand.
Wir alle tragen Geschichte in uns: familiäre Geschichte, kulturelle Prägungen, Erinnerungen und Erfahrungen.
Die entscheidende Frage ist, was wir daraus machen.

Auch in meiner zeitgenössischen symbolistischen Malerei tauchen deshalb immer wieder historische Elemente auf. Ich verwende sie nicht, um Vergangenheit zu reproduzieren, sondern um sie in einen neuen Zusammenhang zu bringen.
Das Vergangene darf sichtbar bleiben – und trotzdem kann daraus etwas Neues entstehen.
Wenn die nächste Generation ihren eigenen Weg beginnt
Vielleicht hat mich dieser Gedanke in der Champagne auch deshalb so beschäftigt, weil unsere Reise noch einen zweiten, sehr persönlichen Hintergrund hatte.
Wir führen selbst ein Familienweingut. Und auch bei uns stellt sich gerade die Frage, wie etwas, das über Generationen gewachsen ist, in die Zukunft geführt werden kann.
Mein Sohn gehört zur nächsten Generation und beginnt, seinen eigenen Platz darin einzunehmen. Er bringt neue Ideen, einen anderen Blick und eigene Vorstellungen mit.
Auch deshalb wollten wir in die Champagne.
Wir wollten sehen, wie traditionsreiche Häuser mit ihrer Geschichte umgehen und gleichzeitig den Weg in die Gegenwart und Zukunft gestalten.
Und während ich dort stand, merkte ich, wie eng das mit den Fragen verbunden ist, die mich auch als Künstlerin beschäftigen:
Was möchten wir aus unserer Herkunft bewahren?
Was darf sich verändern?
Und was entsteht, wenn eine neue Generation beginnt, ihre eigene Handschrift hinzuzufügen?
An solchen Stellen verbinden sich für mich Kunst und Leben ganz selbstverständlich.
Napoleon bei Moët & Chandon – und eine unerwartete persönliche Verbindung
Und dann begegnete mir bei Moët & Chandon noch eine historische Persönlichkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte: Napoleon Bonaparte.
Napoleon und Jean-Rémy Moët kannten sich, und Napoleon besuchte das Haus in Épernay mehrfach. 1814 wurde Jean-Rémy Moët von Napoleon mit der Légion d’Honneur ausgezeichnet. Auch der Name Moët Impérial erinnert an diese Verbindung zwischen dem Champagnerhaus und dem französischen Kaiser.
Für mich bekam dieses historische Detail sofort eine zusätzliche Ebene.


Denn mit der napoleonischen Epoche hatte ich mich bereits Jahre zuvor künstlerisch beschäftigt.
In meiner Heimatregion habe ich ein historisches Symposium begleitet, bei dem diese Zeit eine wichtige Rolle spielte. Mein Heimatort Kirrweiler besitzt eine bemerkenswerte Verbindung zu Gebhard Leberecht von Blücher.
Blücher erzielte dort 1794 einen militärischen Erfolg gegen französische Truppen. In der Folge wurde er zum Generalmajor ernannt. Viele Jahre später sollte er als einer der bedeutenden militärischen Gegenspieler Napoleons Geschichte schreiben.
Und nun stand ich in Épernay und begegnete Napoleon wieder – diesmal in einem vollkommen anderen Zusammenhang.
Nicht über eine Schlacht.
Nicht über militärische Geschichte.
Sondern über Champagner, Unternehmertum und die Geschichte einer Familie.
Ich mag solche Verbindungen.
Nicht, weil daraus zwangsläufig ein neues Gemälde entstehen muss.
Sondern weil Geschichte für mich in solchen Momenten plötzlich nicht mehr aus einzelnen, voneinander getrennten Ereignissen besteht.
Orte, Menschen, persönliche Erfahrungen und Erinnerungen beginnen sich miteinander zu verbinden.
Wie Reisen meine zeitgenössische Kunst beeinflussen
Wenn ich von solchen Reisen zurückkomme, habe ich deshalb normalerweise keine fertige Idee für ein neues Werk im Gepäck.
Ich komme mit Eindrücken zurück.
Mit Farben.
Mit Materialien und Strukturen.

Mit Räumen, die ich nicht vergessen habe.
Mit historischen Zusammenhängen, die mich beschäftigen.
Und mit Stimmungen, die sich manchmal gar nicht genau beschreiben lassen.
Ein Teil davon verschwindet wieder. Anderes bleibt irgendwo gespeichert und taucht vielleicht viel später in meiner Arbeit auf.
Gerade entstehen in meinem Atelier neue Arbeiten, die farbiger, moderner und lebendiger werden.
Ob darin irgendwann etwas von diesen zwei Tagen in der Champagne auftaucht?
Das weiß ich noch nicht.
Und genau darin liegt für mich das Spannende am künstlerischen Prozess.
Inspiration bedeutet für mich nicht, das Gesehene abzubilden. Sie bedeutet, die Welt aufmerksam wahrzunehmen, sie in sich aufzunehmen und daraus irgendwann etwas Eigenes entstehen zu lassen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich von solchen Orten nicht nur mit Fotografien zurückkomme.
Ich nehme etwas mit, das sich nicht in einen Koffer packen lässt.

Und manchmal wird daraus irgendwann Kunst.
Über Andrea Ramsel
Andrea Ramsel ist eine zeitgenössische Künstlerin, deren Arbeiten sich im Contemporary Symbolism bewegen. In ihrer Ölmalerei verbindet sie Realität und Abstraktion und beschäftigt sich mit Herkunft, Veränderung, Erinnerung, Würde und Sein. Wiederkehrende Symbole und Materialien werden zu Bedeutungsträgern. Gold steht dabei für den inneren Wert, der bereits vorhanden ist und sichtbar werden darf.
IN ARTE VERITAS

3 Kommentare
Deine Ausführung und deine Impressionen über euren Besuch bei Moet ist ja eine schöne Homage an die Champagne !
Dass euer Sohn eure Weinbau Tradition in der Pfalz weiter führen will, gefällt uns sehr.
Wir wünschen ihm dazu viel Freude und vor allem Erfolg!
So ist es nunmal die Jugend kommt ans Wirken.
Sehr interessanter Blogbeitrag! Es ist schön zu lesen, wie du über die verschiedenen Generationen sprichst und dass euer Sohn nun die nächste Generation ist, die das Weingut weiterführen wird. Eine wirklich verantwortungsvolle und besondere Aufgabe.
Ich freue mich sehr für euch, dass dieses wertvolle Erbe so geschätzt wird und mit viel Liebe und Leidenschaft weiterleben darf.
Ein sehr schöner Blogartikel und eine ganze Geschichte, die dahintersteht. Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg damit! ❤️